Arbeitskreis Gegenargumente
Termine


Donnerstag, 28.07.2016, 19:00 Uhr

Vortrag und Diskussion

Toleranz: Über den demokratischen Fundamentalismus und seine völkischen Gegner

Seit geraumer Zeit tobt in Deutschland ein erbitterter, geradezu unversöhnlicher Streit um – ausgerechnet – die Toleranz im Lande, darum nämlich, ob und wie viel davon die schöne deutsche Heimat unbedingt braucht oder aber keinesfalls verträgt.
Die Bunten, Weltoffenen sind stolz darauf, wie bunt und weltoffen sie sind, und erklären das zur verbindlichen Leitlinie für alle anderen Volksgenossen; vor allem deswegen, damit sie sich in einem bunten und weltoffenen Deutschland auch daheim und wohlfühlen können. Ob sozial randständige Arbeitsmigranten der dritten Generation, ausgebombte arabische Bürgerkriegsflüchtlinge, sexuell experimentierfreudige Deutsche: Keinen stoßen sie moralisch aus dem aus, was sie für „unser Gemeinwesen“ halten; das besteht in ihren Augen wesentlich darin, dass man in ihm gefälligst nach 'seiner Fasson selig' werden darf. Entsprechend stinkig werden sie gegen diejenigen, die sich an diese Maßgabe nicht halten mögen, und bekennen sich dazu, dass gegen die Unduldsamkeit nicht nur erlaubt, sondern geboten ist. Dass diese von ihnen als 'dumpf' verachteten Gegner weltbürgerlicher Freizügigkeit irgendwie auch zu Deutschland gehören, also 'unsere Gemeinschaft' dann wohl doch etwas anderes zu sein scheint, als ein Haufen Toleranzbolzen, und dass überhaupt die Tugend Toleranz – wörtlich ‚Aushalten‘ von anderen – nie und nimmer eine ‚Gemeinschaft‘ begründen kann – daran verschwenden sie keinen Gedanken. Irgendwie wissen sie allerdings, dass sie mit ihrer gelebten und geforderten demokratischen Tugend in diesem Land genau soweit 'daheim' sind, wie die staatliche Obrigkeit sich dazu herbei lässt, zu tolerieren bzw. zu dekretieren, was die selbst für tolerabel und politisch geboten hält. Die Politik fordern sie nämlich gebieterisch auf, die solle gefälligst diejenigen zur Räson bringen, die etwas gegen ihr Programm einer Republik mit 'freundlichem' Gesicht haben.
Von denen gibt es viele, und sogar immer mehr, die Toleranz für den Ausverkauf ihrer Heimat halten und sich vorstellen können, vor lauter Toleranz sogar bald 'fremd im eigenen Land' zu sein. Dass ist offenbar eine schlimme Perspektive – auch diese Zeitgenossen finden nämlich nichts so wichtig, wie die Erfüllung des Wunsches sich da 'daheim' zu fühlen, wo auch sie sich nicht ausgesucht haben zu leben, sondern wo es sie per Geburt hin verschlagen hat. Komischerweise scheint sich dieses ganz, ganz innere Gefühl – manche reden ja heute noch vom Blut – immer nur dann einzustellen, wenn der Rest der ortsansässigen Mannschaft genauso tickt und sich mit ihnen darin einig ist, im Gegensatz zu anderen, die hierzulande 'Fremde' sind, einem ganz ausgezeichneten nationalen Kollektiv anzugehören. Jedenfalls verträgt sich ihr Heimatgefühl schon mit der bloßen Vorstellung von der Anwesenheit und Ausbreitung anderer Sitten beim Reden, Essen, Aussehen …, die man zu 'tolerieren' hätte, überhaupt nicht. Auch sie rufen deswegen immerzu nach der Obrigkeit, die mit ihrer Gewalt dafür sorgen soll, dass sich bei uns nur das gehört, was sich bei uns gehört, und nur hier ist, wer hierher gehört. Dass die Volksgemeinschaft, die sie nur durch gewaltsam gesicherte Uniformität überhaupt für 'überlebensfähig' halten, dann wohl doch keine so ganz naturwüchsige Sache ist; dass weder Volk noch Staat tatsächlich davon ‚leben‘, geschweige denn die deutsche Nation dadurch zu der politischen und ökonomischen Macht geworden ist, die sie heute darstellt, dass sich in Deutschland nur an gute deutsche Sitten gehalten wird – daran verschwenden sie keinen Gedanken.

So streiten sich die guten Deutschen beider Seiten erbittert bis hasserfüllt und grenzen sich permanent wechselseitig aus der Gemeinschaft der guten Deutschen aus. Gemeinsam ist ihnen dabei der Appell an die staatliche Gewalt, die möge dekretieren und durchsetzen, was sie jeweils für anständig halten; gemeinsam damit auch die Ignoranz, was das wirkliche Verhältnis von Staatsgewalt, staatlichem Toleranzgebot und seinen Grenzen betrifft.
Die Diskussionsveranstaltung will über dieses Verhältnis theoretische Klarheit stiften; und damit auch über das ungehemmte Selbstlob, das diese Staatsgewalt daraus verfertigt, und den tugendhaften Reim, den sich die ordinären deutschen Demokraten und Volksgenossen jeweils darauf machen.


Im EineWeltHaus München, Schwanthalerstr. 80 RGB, U-Bahn Haltestelle Theresienwiese (U4/U5), Großer Saal E01
Anfahrt siehe auch hier.

 


Lesetipps:

Gesundheit – ein Gut und sein Preis

Sabine Predehl / Rolf Röhrig

Die vorliegende Schrift

– erklärt, warum man so viel für seine Gesundheit tun muss, nämlich wodurch sie dauernd gefährdet und geschädigt wird.
– bestimmt den Fehler, den sich die medizinische Wissenschaft in der theoretischen Behandlung der gar nicht unbekannten gesellschaftlichen Krankheitsursachen leistet; sie benennt die affirmative Stellung zum System der Konkurrenz, die diesem Fehler zugrunde liegt, und zeigt die Konsequenz, mit der dieser Fehler in eine moralische Begutachtung der populärsten Krankheiten und ihrer Ursachen einmündet. Sie befasst sich außerdem speziell mit der Logik der wissenschaftlichen Pathologie des Seelenlebens sowie mit dem paradoxen Erklärungsmuster der Alternativ- oder „Komplementärmedizin“.
– befasst sich mit der medizinischen Praxis und dem vertrackten Verhältnis zwischen privatem Bedürfnis nach medizinischer Hilfe und allgemeinem Interesse an funktionstüchtigen Bürgern, also mit dem herrschenden Zweck, dem das von Staats wegen institutionalisierte Gesundheitswesen dient.
– würdigt das Geschäft mit der Gesundheit und das ebenso absurde wie erfolgreiche Bemühen des modernen Gemeinwesens, die Gesundheitsversorgung eines ganzen Volkes als Geschäftsfeld zu organisieren, dessen Finanzierung die Versorgten überfordert, also Nachhilfe durch staatliche Gewalt benötigt.

Erhältlich im Buchhandel und direkt beim Gegenstandpunkt-Verlag

100 Seiten Format A5 10,– €
Fadensiegelung mit Efalinkarton
ISBN 978-3-929211-17-7
Das Buch erscheint auch als Ebook.

Das Finanzkapital

Peter Decker / Konrad Hecker / Joseph Patrick

Das Buch ist eine Neufassung der Artikel über das Finanzkapital, die in der Politischen Vierteljahreszeitschrift GegenStandpunkt in den Jahren 2008 bis 2011 erschienen sind.


GEGENSTANDPUNKT 2-16

Der Fall Griechenland


Zuletzt geändert: Wednesday, 20-Jul-2016 21:57:59 CEST
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