Die Unternehmer wandern ab - Na und?
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Am vergangenen Montag (22.3.04) hat der DIHK-Präsident Georg Braun gegenüber dem Handelsblatt gesagt: «Ich empfehle den Unternehmen, nicht auf eine bessere Politik zu warten, sondern jetzt selbst zu handeln und die Chancen zu nutzen, die zum Beispiel in der Osterweiterung liegen.» Die Reaktion der Bundesregierung folgte prompt: ein "unpatriotischer Akt" sei diese Äußerung gewesen, schließlich hätten die Unternehmer genauso eine Verantwortung für das Gemeinwohl wie jeder andere auch.

Das verdient doch Applaus, oder? Wo kämen wir denn hin, wenn sich die Unternehmer ihrer patriotischen Pflicht, in Deutschland für Wachstum und Arbeitsplätze zu sorgen, einfach entziehen? Wenn man euch, den "kleinen Leuten", alle möglichen Opfer abverlangt, dann dürfen sich doch die Großen nicht einfach davonstehlen. Erst Subventionen abkassieren und dann ins Ausland abwandern - so weit kommt's noch!

Durchaus verständlich. Schließlich geht es um eure Arbeitsplätze. Aber - Vorsicht! Meint ihr wirklich, dieser Appell an den "Patriotismus" wäre in eurem Sinne? Dann fragt euch mal, worin der bei Unternehmern eigentlich besteht.

Grundsätzlich hat die Bundesregierung gegen die Auslagerung von Produktionsstätten nämlich gar nichts einzuwenden. Sie hat selber die EU-Osterweiterung durchgesetzt und die "Globalisierung", den weltweiten schrankenlosen Wettbewerb, immer in höchsten Tönen als Chance für Wachstum und Beschäftigung gelobt. Damit dieser Wettbewerb dem deutschen Wirtschaftswachstum nützt und nicht dem Ausland, muss der "Standort Deutschland" natürlich konkurrenzfähig sein, das Produzieren muss billiger sein als anderswo, Löhne, Sozialabgaben und Steuern dürfen nicht zu hoch sein, Arbeitszeiten müssen möglichst flexibel gehandhabt werden, usw. - kurz: Ihr müsst möglichst viel arbeiten und möglichst wenig kosten. Was das für den einzelnen heißt, wisst ihr ja.

Doch Lohnsenkungen, Aufweichung von Tarifverträgen und Einschnitte ins soziale Netz stehen schlechterdings auch in anderen Ländern auf der Tagesordnung. Daher ist z.B. die Produktion in osteuropäischen Ländern wie Polen oder Tschechien trotz der Senkung der hiesigen Lohnnebenkosten für viele Unternehmen immer noch billiger als in Deutschland. Und mit den Arbeitsplätzen, die ins Ausland verlagert werden, schwinden die Staatseinnahmen, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, dahin.

Für die Regierung ist die Sache klar: Dann muss der Standort Deutschland eben noch billiger werden. Unter dem Schlagwort "Agenda 2010" wird der Sozialstaat weiter an die "sich ständig verändernden Bedingungen des globalisierten Wettbewerbs" angepasst - denn nur dann dürfen wir alle feste darauf hoffen, dass diese "bittere Medizin" auch wirkt und es in Deutschland vielleicht irgendwann einmal wieder ein Wachstum und möglicherweise sogar Arbeitsplätze geben wird, wenn..., ja wenn andere Länder ihre Sozialausgaben nicht ebenfalls weiter senken würden....

Seht es doch einmal anders herum: wenn die Unternehmer nur durch eure fortwährende Verarmung im Lande gehalten werden können, warum sollte man sie dann nicht einfach ziehen lassen? Habt ihr euch jemals gefragt, ob es fürs Produzieren lebensnotwendiger Güter überhaupt Unternehmer braucht? Was ist das für eine seltsame Produktionsweise, in der jeder Handschlag der Bereicherung einer geldbesitzenden Elite dienen muss? Warum kann man nicht in aller Ruhe Rohre verlegen, Autos zusammenbauen oder Computer programmieren, ohne sich ständig von Politikern, Unternehmern und ihren Verbänden die ewig gleichen Hetzparolen anhören zu müssen, man wäre zu langsam, zu teuer, zu unflexibel oder zu oft krank? Dann sollen sich die Herrschaften doch einen anderen Standort suchen!

Es gibt da freilich ein klitzekleines Problem: die Unternehmer besitzen die Produktionsmittel und werden sie kaum freiwillig herausrücken. Die Produktionsmittel sind nämlich ihr Eigentum , das vom Staat gegen unbefugten Zugriff geschützt wird. Und das ist schon der ganze Grund, weshalb ihr die Unternehmer überhaupt "braucht": Eigentums losen Menschen wie euch bleibt gar nichts anderes übrig, als sich bei den Eigentümern der Produktionsmittel zu verdingen, um für diese mehr zu produzieren als euch an Lohn gezahlt wird.

Einen Staat , der ihnen diese Geschäftsgrundlage bietet, wissen die Unternehmer allemal zu schätzen. Sie haben also gute Gründe, Patrioten zu sein. - Aber ihr?